Authentisches Prüfen: Ein praxisorientierter Leitfaden für Lehrende
Authentisches Prüfen: Ein praxisorientierter Leitfaden für Lehrende
Seit vielen Jahren zeigt sich im Medizinstudium, dass authentische Lernsituationen und realitätsnahe Lernaufgaben zu nachhaltigen Lernergebnissen führen. Besonders gilt dies für Studiengänge, in denen Entrustment eine zentrale Rolle spielt – also die Frage, ob einer Person die selbstständige Ausführung beruflicher Aufgaben anvertraut werden kann.
Im Gesundheitswesen müssen Fertigkeiten wiederholt trainiert, tief verankert und nachweislich beherrscht werden.
Lange Zeit wurde dieser Ansatz als holistische Ausbildung oder holistische Beurteilung bezeichnet. Das inhaltliche Rahmenwerk basierte häufig auf Entrustable Professional Activities (EPAs) oder Kompetenzen, während das Prüfungsrahmenkonzept auf programmatischer Prüfung beruhte.
In den letzten Jahren hat sich zunehmend die Bezeichnung authentisches Lernen und authentisches Prüfen etabliert.
Was ist eine authentische Lernumgebung?
Die australischen Bildungsforscher Jan und Anne Herrington haben intensiv zu authentischen Lernumgebungen geforscht. Auf Grundlage theoretischer und praktischer Erkenntnisse beschreiben sie drei zentrale Merkmale: studierendenzentriert, realitätsnah und wirksam.
Authentisches Lernen löst sich vom klassischen Modell großer Hörsäle, in denen Expertinnen und Experten Wissen in vorportionierten Einheiten an passive Studierende vermitteln. Stattdessen orientiert es sich daran, wie Lernen in der beruflichen Praxis tatsächlich stattfindet.
Von Roel Smabers und Robert Smeenk
Abbildung 1: EPAs in einer authentischen Lernumgebung
In ihrer Publikation Authentic Learning Environments in Higher Education (2006) benennen sie neun zentrale Elemente:
- Authentischer Kontext
- Authentische Aufgaben
- Einblicke in Expertenhandeln
- Verschiedene Perspektiven
- Zusammenarbeit
- Reflexion
- Artikulation des Gelernten
- Coaching und unterstützende Begleitung
- Authentische Leistungsbewertung
Diese Elemente schaffen eine Lernumgebung, die berufliche Realität abbildet.
Generative KI und authentisches Lernen
Authentisches Lernen ist bislang vor allem im medizinischen und gesundheitlichen Bereich verbreitet. Mit dem Aufkommen generativer KI gewinnt dieser Ansatz jedoch weiter an Bedeutung.
Klassische Prüfungsformate geraten zunehmend unter Druck. Wenn KI-Tools Texte generieren oder standardisierte Aufgaben übernehmen können, müssen Prüfungsformen stärker darauf ausgerichtet sein, was Studierende tatsächlich leisten können. Authentisches Prüfen bietet hier eine zukunftsfähige Antwort.
Das bedeutet nicht, dass generative KI und authentisches Lernen im Widerspruch stehen. Im Gegenteil: KI kann unterstützend eingesetzt werden, etwa beim
- Zusammenfassen von Feedback
- Strukturieren eingesprochener Fallbesprechungen
- Analysieren von Fortschrittsdaten
- Unterstützen formativer Rückmeldungen
Richtig eingesetzt, kann KI Prozesse effizienter gestalten und Lehrende wie Lernende entlasten.
Gleichzeitig werden Themen wie Datenschutz, ethische Nutzung, Urheberrechte und die Qualität der Ergebnisse intensiv diskutiert. Generative KI ist nicht fehlerfrei. Sie kann Inhalte erfinden, Quellen falsch zitieren oder unzutreffende Informationen liefern. Vor allem aber gilt: Zentrale Lernprozesse wie Reflexion und die eigenständige Artikulation des Gelernten lassen sich nicht an KI delegieren. Sie erfordern aktive kognitive Auseinandersetzung.
Warum jetzt authentisch prüfen?
Immer mehr Bildungseinrichtungen stellen fest, dass rein wissensbasierte Prüfungen nicht mehr ausreichen. Der Lernertrag ist begrenzt, und heutige Studierende lernen anders als frühere Generationen.
Forschung zeigt deutlich: Je aktiver Lernende eingebunden sind, desto nachhaltiger ist der Lernerfolg. Authentische Kontexte erhöhen Engagement und Verantwortungsübernahme. Das verlangt auch eine veränderte Prüfungskultur.
- Authentisches Prüfen umfasst beispielsweise:
- Offene Aufgabenstellungen
- Mehrere mögliche Lösungswege
- Kontextbezogene Prüfungsformate
- Integration von Theorie und Praxis
Theorie ohne Kontext bleibt abstrakt. Reale Aufgaben in realen Situationen fördern Tiefe und Verständnis. Eine starke Fragmentierung von Lerninhalten hingegen reduziert Komplexität und mindert Lernerfolg. Bereits Aristoteles erkannte: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
Authentisches Lernen verbindet:
- Fachwissen
- Praktische Fertigkeiten
- Professionelle Haltung und Urteilskraft
Im Medizinstudium ist dieser integrative Ansatz seit Jahren etabliert. Auch andere Disziplinen erkennen zunehmend seine Vorteile.
Die Rolle des Portfolios
Authentisches Prüfen ist ohne ein unterstützendes Portfolio kaum umsetzbar. Die Form der Leistungsbewertung muss zur jeweiligen Lernaufgabe passen. Dazu können gehören:
- Reflexionen
- Arbeitsplatzbasierte Beobachtungen
- Wissensüberprüfungen
- Multi-Source-Feedback
Studierende müssen die Möglichkeit haben, ihre Erfahrungen zu reflektieren. Feedback spielt dabei eine zentrale Rolle. Häufig fließen Bewertungen aus verschiedenen Quellen ein. Diese einzelnen Datenpunkte bilden gemeinsam eine fundierte Entscheidungsgrundlage innerhalb des Portfolios. Ein Portfolio sammelt systematisch Nachweise beruflicher Handlungskompetenz, etwa:
- Beobachtungen
- Bewertungen
- Rückmeldungen
- Selbstreflexionen
Die Visualisierung dieser Daten in Dashboards stärkt die Eigenverantwortung der Studierenden und unterstützt Lehrende bei der Einschätzung des Lernfortschritts. Besonders wertvoll ist die longitudinale Betrachtung, da sie Entwicklungsverläufe sichtbar macht.
Kriterien bei der Auswahl eines Portfolios
Bei der Auswahl einer Portfolio-Lösung für authentisches Lernen sind mehrere Aspekte entscheidend:
- Unterstützung individueller Lernwege
- Abbildung vielfältiger Prüfungsformate
- Benutzerfreundlichkeit, die Lernprozesse unterstützt statt behindert
Möglichkeit für externe Praxisanleitende, authentifiziert Feedback zu geben, ohne ein vollständiges Benutzerkonto zu benötigen. Ein anschauliches Beispiel für den Einsatz eines Portfolios in Deutschland an der Charité finden Sie unter folgendem Link: E-PORTFOLIO PJ – Home
Gewährleistung von Datenschutz und Datensicherheit
Authentisches Lernen stellt die individuelle Entwicklung in den Mittelpunkt. Auch wenn bestimmte Prüfungsformate, etwa OSCEs oder Peer-Assessment, in Gruppen stattfinden, müssen die Daten stets auf individueller Ebene gespeichert und ausgewertet werden. Ein gut konzipiertes Portfolio erhöht die Validität und Nachvollziehbarkeit von Leistungsentscheidungen, ohne zusätzliche administrative Komplexität zu erzeugen.
Fazit
Authentisches Prüfen verbindet Ausbildung und berufliche Realität. Es stärkt Engagement, integriert Wissen und Fertigkeiten und fördert reflektiertes Lernen.
In einer Zeit, die von generativer KI und sich wandelnden beruflichen Anforderungen geprägt ist, ist authentisches Prüfen keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit.
Literatur
Herrington, J. & Herrington, A. (2008). What is an Authentic Learning Environment? Kapitel 1.8
Weitere Informationen finden Sie unter: https://scorion.com
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